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Kollektive Aktionen: Reisen aus der Stadt

Dritter Band

JUPITER (4.33)

33. JUPITER (4.33)

In dem Raum,, in dem die 4 Stunden und 33 Minuten dauernde Aktion stattfand, war das gewöhnliche häusliche Interieur durch 6 schwarze Tafeln an den Wänden ergänzt. Auf den Tafeln waren emblematische Darstellungen paralinguistischer Zeichen folgenden Inhalts zu sehen:

1) "Zeit" – ein Mensch, der auf seine Armbanduhr schaut 2) "Putz die Ohren" oder "Verstopf die Ohren" –  ein Mensch, der sich Finger in die Ohren steckt, 3) "Fifty-fifty" – ein einäugiger Mensch 4) "Ja" – ein Mensch mit entblößten Zähnen 5) "Nein" – ein Mensch mit einem schwarzen Loch anstelle des Mundes  6) "Nein" – ein Mensch mit ausgestreckter Zunge. Die paralinguistischen Bedeutungen der letzten vier Tafeln sind rein willkürlich und nur möglich in einer Reihe mit den ersten beiden Tafeln, die konventionelle Bedeutungen haben. Eine Tafel mit einem "blinzelnden Menschen" teilte die Reihe der Embleme in semantische (1, 2, 3 –  zu 1/2) und emotionale (3 – zu 1/2, 4, 5, 6).  Außer diesen Tafeln stand auf der Fensterbank ein langer schwarzer Kasten mit vier eingeschalteten Taschenlampen und auf dem Regal ein quadratischer Kasten mit drei eingeschalteten Taschenlampen. Diese beiden Kästen wurden bereits bei der Aktion "Übersetzung" verwendet. Während der musikalischen Live-Performance brannten nur die Taschenlampen und eine Tischlampe; in den Pausen (während des Abspielens der Phonogramme) wurde die Deckenbeleuchtung eingeschaltet.

Die Aktion bestand aus einer Serie musikalischer Improvisationen mit einem gemeinsamen "minimalistischen" Thema, an denen folgende Personen teilnahmen: A. Monastyrskij (Klavier), S. Letov (Bassklarinette), S. Romaško (Blockflöte und Dreiton-Pfeife) und S. Hänsgen (Querflöte). Außerdem wurden bei der Aktion drei Phonogramme verwendet. Zwei von ihnen –  das "Duett" (S. Letov, A. Monastyrskij) und das "Trio" (S. Letov, S. Hänsgen, A. Monastyrskij) wurden in den Pausen der Live-Performance abgespielt; sie waren vor der Aktion aufgezeichnet worden und bestanden aus Improvisationen über dasselbe Thema. Ein weiteres Phonogramm "Züge; Tonne", das A.M. bei einer Eisenbahnbrücke in der Nähe der Station "Jausa" der  Jaroslavler Bahnlinie aufgenommen hatte, überlagerte von Zeit zu Zeit die Live-Performance. Das Phonogramm bestand aus dem Geräusch vorbeifahrender Züge, das in den eine halbe Stunde andauernden Klang einer leeren Metalltonne überging, die über den Asphalt gerollt wurde. Außer den Instrumenten und Phonogrammen wurde während einiger Aktionsphasen auch ein auf dem Klavier stehendes Fernsehgerät als Licht-, Ton- und Bildquelle verwendet. Ebenfalls auf dem Klavier lagen rechts neben dem Fernsehgerät große Kopfhörer, die A.M. bei der Wiederholung der Nachrichtensendung "Vremja" (Zeit) aufsetzte. Auf dem Notenpult des Klaviers stand in einem Glasrahmen ein schwarzes Blatt, in dessen Mitte das Etikett "K.A. Jupiter (4.33)" aufgeklebt war.

Die Aktion wurde nach folgendem Schema durchgeführt (das Zeitregime kontrollierte G. Kizeval'ter, der nach dem "Rheostatprinzip" Phonogramme über den Live-Klang legte, was als Signal diente, entweder allmählich mit dem Spiel aufzuhören oder aber eine neue Phase der Live-Performance zu beginnen.
1. 18.00 – 18.10.  – Phonogramm "Duett". Das Fernsehgerät ist ausgeschaltet.
A.: 18.10 – 18.55. – Die erste 45-minütige Phase der Live-Performance. Das Fernsehgerät ist ausgeschaltet. Das Phonogramm "Züge/Tonne" wird nicht verwendet.    
2. 18.55 – 19.05. – Phonogramm "Trio". Das Fernsehgerät ist ausgeschaltet.
B.: 19.05 – 19.50. – Die zweite 45-minütige Phase der Live-Performance. Das Fernsehgerät ist ohne Ton eingeschaltet, und ein weiß leuchtender Bildschirm ist zu sehen. Verwendung der ersten 45 Minuten des Phonogramms "Züge-Tonne".
3. 19.50 – 20.00. – Phonogramm "Trio". Das Fernsehgerät ist ausgeschaltet.
C.: 20.00 – 20.45. – Die dritte 45-minütige Phase der Live-Performance. Das Fernsehgerät ist eingeschaltet, und ein weiß leuchtender Bildschirm zu sehen; aus den Kopfhörern, die an das Gerät angeschlossen sind und neben ihm auf dem Klavier liegen, ist ein ständiges Zischen zu hören. Verwendung der zweiten 45 Minuten des Phonogramms "Züge/Tonne".
4. 20.45 – 21.00. – Phonogramm "Trio". Das Fernsehgerät ist eingeschaltet, aber der Bildschirm bleibt dunkel; aus den Kopfhörern ist ein Zischen zu hören.
D.: 21.00 – 21.45. – Die vierte 45-minütige Phase der Live-Performance, während derer A.M. die Kopfhörer aufsetzt und gleichzeitig zu seinem Klavierspiel mit lauter Stimme die Nachrichtensendung "Vremja" wiederholt. Der Bildschirm des eingeschalteten Fernsehgeräts bleibt dunkel. Zu Beginn des Wetterberichts (21.30) nimmt A.M. die Kopfhörer ab und schaltet das Fernsehbild ein; auch die Tonwiedergabe wird von den Kopfhörern auf den Fernsehlautsprecher umgeschaltet. Nach dem Wetterbericht wird das Fernsehgerät wieder auf den weiß leuchtenden Bildschirm umgeschaltet und der Tonkanal der Wiedergabe (das Zischen) vom Fernsehlautsprecher in die Kopfhörer zurückverlegt. Verwendung der dritten 45 Minuten des Phonogramm "Züge/Tonne".
5. 21.45 – 21.55. – Phonogramm "Duett". Das Fernsehgerät ist eingeschaltet, aber der Bildschirm bleibt dunkel; aus den Kopfhörern ist ein Zischen zu hören.
E.: 21.55 – 22.33. – Die fünfte und letzte Etappe der Live-Performance. Das Fernsehgerät ist lediglich auf das Zischen eingeschaltet, das plötzlich um 22.30 Uhr sehr laut wird. Um 22 Uhr 32 Minuten 27 Sekunden brechen die Musikanten ihr Spiel ab. Helle Scheinwerfer werden eingeschaltet, und 33 Sekunden lang ist nur das laute Zischen aus den Kopfhörern zu hören. Um 22.33 Uhr wird das Fernsehgerät ausgeschaltet. Verwendung der letzten 30 Minuten des Phonogramms "Züge/Tonne".

Bei der Aktion waren anwesend: I. Bakštejn, I. Nachova, I. Jurno, M.K., Vl. Sorokin, Ju. Lejderman, A. Žigalov, N. Abalakova und noch zwei weitere Personen. Vor dem Beginn der Aktion wurden den Zuschauern Notizblöcke und Stifte ausgehändigt mit dem Vorschlag, kurze Notizen über ihr Befinden, Erfahrungen, Eindrücke usw. einzutragen.

Beispiele für solche Notizen:
I. Bakštejn: "18.07 – es ist bedrückend. 18.29 – stille Euphorie 18.31 – die ganze Zeit von Anfang an fällt mir jede Bewegung schwer. Ich würde gerne vom Platz aufstehen, aber kann es nicht. 18.39 – ich habe die Schnürsenkel aufgebunden. 18.43 – ich beginne mir Sorgen zu machen um das Schicksal der Musikanten – ob sie es bis zum Ende durchhalten. 18.45 – mein eigenes Schicksal gibt vorläufig keinen Anlass zur Sorge. 18.47 – ich wollte schlafen. 19.00 – 19.23 – ich habe gerne Tee getrunken."

M.Konstantinova: "Ich habe irgendwie Angst, und mir ist nicht wohl zumute."

Ju. Lejderman: "18.30 – ich bin angekommen. 18.45 – es ist sehr schön, einfach hervorragend, ein wenig stört mich das Halskratzen – ich habe Angst, laut zu husten. 19.12 –  ich notiere diesen Zeitpunkt nur, weil ich gerade auf die Uhr geschaut habe. Ich habe keine Lust zu schreiben, das Papier stößt offensichtlich das Feld meiner Reflexionen ab (…) 19.45 – alles ist nach wie vor wunderbar. Ich fühle mich nicht ganz gesund, und dieser Zustand erinnert mich daran, wie ich zu Schulzeiten, wenn ich krank war, unter meiner warmen Decke vor mich hinträumte und ein schönes Buch las oder meine Steine sortierte und irgendwelche Formeln zeichnete. 20.45 – "Du wirst sehen, was es heißt, ins Elend zu geraten, du wirst sehen!" 22.05 – In den letzten anderthalb Stunden habe ich mich ganz in eine Pflanze verwandelt.

Die anderen Aufzeichnungen sind entweder zu umfassend oder liegen in Form von Schemen, Graphiken oder Zeichnungen vor (zum Beispiel bei A. Žigalov).

Moskau
13. April 1985

A. Monastyrskij, S. Romaško, S. Letov, S. Hänsgen, G. Kizeval'ter, I. Jurno, M.K., V. Sorokin

Zuschauer:
V. Sorokin, Ju. Lejderman, I. Bakštejn, M. Konstantinova, I. Nachova, I. Alejnikov, N. Abalakova, A. Žigalov, G.Witte

(Übersetzung: G. Hirt / S. Wonders)

PHONOGRAMM  


Jupiter, Foto 00 partitura Jupiter, Foto 01
Jupiter, Foto 02 Jupiter, Foto 03 Jupiter, Foto 04
Jupiter, Foto 05 G. Kizewalter und Sergey Letov. Jupiter, Foto 06 Jupiter, Foto 07
Jupiter, Foto 08 Jupiter, Foto 09 Irina Nakhova, Anatoly Zhigalov, Sergey Letov. Jupiter, Foto 10

Sabine Hänsgen, Andrei Monastyrski. Dialog über die Losungen der „Kollektiven Aktionen“

Andrei Monastyrski. Das Feld der Komödie und die Linie der Bilder

Sabine Hänsgen: video poiesis

Kollektive Aktionen: AUSSTELLUNGEN

MOSKAUER KONCEPTUALISMUS

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